Die XploRe Professional Edition: Datenanalyse im großen Maßstab

Die Professional Edition war die für den anspruchsvollen praktischen Einsatz gedachte Ausgabe der statistischen Umgebung XploRe. Sie wurde als die weiter reichende Lösung für die statistische Erkundung und Auswertung von Daten geführt und unterschied sich von der Academic Edition vor allem in der Größenordnung der Datenmengen, die sie verarbeiten konnte.

Kleiner Serverraum der späten 1990er-Jahre mit zwei Geräteschränken, einem Bandlaufwerk und gebündelter Verkabelung

Datenmengen

Als Obergrenze nannte die Produktbeschreibung Datensätze mit bis zu zwei Milliarden Datenpunkten. Diese Zahl ist im Rückblick bemerkenswert, weil sie die Bemessungsgrundlage der damaligen Zeit erkennbar macht: Was heute in eine Tabellenkalkulation geladen wird, war um die Jahrtausendwende eine Angabe, mit der ein Hersteller Leistungsfähigkeit belegte. Zusammen mit einem umfangreichen Bestand statistischer Verfahren richtete sich die Ausgabe damit an komplexere und umfangreichere Auswertungen, wie sie in Unternehmen, Verwaltungen und Forschungseinrichtungen anfallen.

Die statistischen Verfahren waren, wie in der gesamten Umgebung, nicht abgeschlossen. Anwender konnten sie erweitern und auf den eigenen Bedarf zuschneiden. Für Auswertungen, die einem festen fachlichen Verfahren folgen, das kein Standardpaket abbildet, war dies der entscheidende Punkt – die Alternative wäre gewesen, die Auswertung außerhalb der Umgebung nachzubauen.

Testfassung

Vor dem Kauf stand eine leicht eingeschränkte Testfassung zum Herunterladen bereit, die für einen begrenzten Zeitraum genutzt werden konnte. Das Vorgehen entsprach der Vertriebspraxis für Fachsoftware jener Jahre: Ein Programm, dessen Nutzen sich erst an den eigenen Daten zeigt, verkauft sich schlecht über eine Merkmalsliste. Wer prüfen wollte, ob die Umgebung zum eigenen Datenbestand und zur eigenen Fragestellung passt, konnte das vorab tun.

Die Sprache

XploRe war eine prozedurale Sprache: Der Anwender schrieb Prozeduren oder Funktionen wie in Pascal oder C. Im Unterschied zu diesen Sprachen war eine Deklaration von Variablen nicht erforderlich – der Charakter eines Interpreters blieb dadurch gewahrt, was für schrittweises, erkundendes Arbeiten wesentlich ist. Variablen ließen sich in Listenstrukturen zusammenfassen, sodass die zusammengehörigen Informationen eines Datensatzes in einem einzigen Datenobjekt gehalten werden konnten.

Die Merkmale einer höheren Sprache standen vollständig zur Verfügung: Rekursion, lokale Variablen, Schleifen und bedingte Ausführung. Über dynamische Bibliotheksaufrufe sowie Remote Procedure Calls konnte weitere Software angebunden und der Funktionsumfang der Umgebung damit erweitert werden. Eine ausführlichere Darstellung dieses Sprachkonzepts findet sich auf der Seite zur Produktphilosophie.

Abgrenzung der beiden Ausgaben

Der Unterschied zwischen professioneller und akademischer Ausgabe lag weniger in den verfügbaren Methoden als im Zuschnitt. Die akademische Fassung kam mit gedrucktem Handbuch über einen Wissenschaftsverlag in den Handel und war preislich auf Hochschulangehörige ausgerichtet. Die professionelle Fassung stellte Verarbeitungsleistung und Datenumfang in den Vordergrund. Beide teilten dieselbe Sprache, dieselbe Grafik und denselben Aufbau aus Quantlets und Bibliotheken, sodass Auswertungen zwischen den Ausgaben übertragbar blieben.

Dieselbe Übertragbarkeit galt für die Dokumentation. Die Tutorials und der Funktions- und Stichwortindex bezogen sich auf die Umgebung als solche, nicht auf eine einzelne Ausgabe. Wer in der Lehre mit der akademischen Fassung gearbeitet hatte und später im Beruf auf die professionelle Fassung wechselte, musste die Arbeitsweise nicht neu erlernen – ein Punkt, der bei Software mit ausgeprägter Lehrverwendung selten zufällig ist.

Einordnung

Statistische Software um die Jahrtausendwende war überwiegend teuer, lokal installiert und in ihrem Methodenbestand fest umgrenzt. Eine Umgebung, die sich durch eigenen Code erweitern ließ und dabei sowohl große Datenbestände als auch Lehrbeispiele bediente, besetzte eine ungewöhnliche Position zwischen Programmierumgebung und Auswertungspaket. Ergänzt wurde dieses Bild durch den netzbasierten Zugang über die Java-Schnittstelle, mit dem Berechnungen auf einem entfernten Server ausgeführt werden konnten.

Erweiterbarkeit als Kaufargument

Dass die Produktbeschreibung die Erweiterbarkeit der Verfahren eigens hervorhob, ist für eine kommerzielle Ausgabe bemerkenswert. Üblicher wäre der umgekehrte Weg: ein möglichst großer, abgeschlossener Methodenbestand als Beleg dafür, dass nichts fehlt. Die hier gewählte Begründung setzt anders an – sie räumt ein, dass ein fester Bestand niemals jeden fachlichen Bedarf abdeckt, und macht die Anpassbarkeit zum eigentlichen Versprechen.

Für Anwendungen mit eigenen, betrieblich festgelegten Auswertungsverfahren ist das die belastbarere Zusage. Sie verlangt allerdings Anwender, die programmieren – womit sich der Kreis zur Ausrichtung der Umgebung schließt.