Die Produktphilosophie von XploRe: Konzept, Sprache und Quantlets

Die Produktphilosophie beschrieb, welchem Grundgedanken die statistische Umgebung XploRe folgte. Sie ist die aufschlussreichste der damaligen Produktseiten, weil sie nicht Merkmale aufzählt, sondern eine Haltung zur statistischen Arbeit erkennbar macht: Datenanalyse als erkundender Vorgang, bei dem Rechnen, Darstellen und Programmieren nicht getrennt sind.

Flachbettplotter, der mit einem Zeichenstift eine glatte Kurve auf ein breites Blatt Papier zeichnet

Klassische und moderne Verfahren

XploRe verband klassische und moderne statistische Verfahren mit einer aufwendigen, interaktiven Grafik. Als Zweck wurden drei Felder genannt: statistische Analyse, Forschung und Lehre. Die Umgebung sollte die Erkundung und Auswertung von Daten ermöglichen und darüber hinaus die Entwicklung neuer Verfahren tragen. Die statistischen Methoden selbst wurden über Quantlets bereitgestellt – einzeln aufrufbare Routinen, die zu Bibliotheken zusammengefasst waren.

Diese Aufteilung ist mehr als eine technische Einzelheit. Wenn Verfahren als austauschbare Bausteine vorliegen und nicht im Programmkern verschwinden, verschiebt sich das Verhältnis zwischen Anwender und Software. Ein Verfahren lässt sich lesen, verändern, mit einer eigenen Variante vergleichen. Für methodische Forschung ist genau das die Voraussetzung.

Eine höhere Programmiersprache

XploRe war zugleich eine höhere, objektorientierte Programmiersprache. Der Anwender schrieb Prozeduren oder Funktionen wie in Pascal oder C. Anders als in diesen Sprachen war die Deklaration von Variablen nicht erforderlich, um den Charakter eines Interpreters zu erhalten – eine Entscheidung, die für interaktives Arbeiten wesentlich ist: Wer eine Idee an Daten ausprobiert, will nicht zuerst Typen festlegen.

Variablen konnten in Listenstrukturen gesammelt werden, sodass sich die zusammengehörigen Informationen eines Datensatzes in einem einzigen Datenobjekt halten ließen. Alle Merkmale einer höheren Sprache standen bereit: Rekursion, lokale Variablen, Schleifen, bedingte Ausführung. Dynamische Bibliotheksaufrufe waren möglich, und über Remote Procedure Calls konnte andere Software eingebunden werden, was die Umgebung über ihren eigenen Umfang hinaus erweiterte.

Erweiterbarkeit und Dokumentation

Eigene Verfahren ließen sich in die Umgebung einbinden, sodass Anwender sie ohne Aufwand ausbauen konnten. Damit die Erweiterungen nicht undokumentiert liegen blieben, sorgte ein automatischer HTML-Konverter für die Einbindung von Quantlets und Bibliotheken in das Hilfesystem. Neuer Code erschien damit an derselben Stelle und in derselben Form wie der mitgelieferte.

Dieser Punkt verdient Beachtung, weil er ein bekanntes Problem angeht. Selbst geschriebene Erweiterungen sind in der Regel schlecht dokumentiert – nicht aus Nachlässigkeit, sondern weil die Dokumentation ein zusätzlicher, gesonderter Arbeitsschritt ist. Wird sie aus dem Code erzeugt und automatisch eingehängt, entfällt dieser Schritt. In einer Umgebung, die auf Erweiterung durch die Anwender setzt, ist das keine Bequemlichkeit, sondern eine Bedingung dafür, dass die Erweiterungen auch von anderen genutzt werden.

Die vier hervorgehobenen Merkmale

Die Produktseite selbst fasste die Umgebung in vier Punkten zusammen: eine schnelle Programmiersprache, benutzerfreundliche Tutorials, eine grafische Benutzeroberfläche und Klient-Server-Technik in Java. Die Reihenfolge ist verräterisch – die Sprache steht vorn, die Oberfläche kommt danach. Die Tutorials wurden ausdrücklich als eigenes Merkmal aufgeführt und nicht als Beipack behandelt, was zur Ausrichtung auf die Lehre passt. Der netzbasierte Zugang über die Java-Schnittstelle erscheint als vierter Punkt einer Produktbeschreibung, obwohl er technisch der eigenständigste war.

Die Grafik als Teil des Verfahrens

Auffällig ist, dass die interaktive Grafik nicht als Ausgabeform beschrieben wurde, sondern gleichrangig neben den statistischen Verfahren steht. Für explorative Arbeit ist das der sachlich richtige Rang: Wer einen unbekannten Datenbestand untersucht, gewinnt die nächste Frage aus dem Bild, nicht aus einer Kennzahl. Eine Grafik, die sich drehen, ausschnittweise vergrößern und mit anderen Darstellungen verknüpfen lässt, ist dann kein Ergebnis, sondern ein Werkzeug des Suchens.

Damit erklärt sich auch die Verbindung von klassischen und modernen Verfahren im selben Paket. Die klassischen liefern die vergleichbare Kennzahl, die modernen – nichtparametrische Glättung etwa – die Form, die sich zeigen, aber schwer in einer einzigen Zahl zusammenfassen lässt.

Einordnung

Zusammengenommen beschreibt die Seite eine Software, die sich weniger als fertiges Werkzeug als als Arbeitsumgebung versteht. Der Anwender ist darin kein Bediener einer Menüführung, sondern jemand, der schreibt, verändert und erweitert. Diese Haltung findet sich in den beiden Vertriebsausgaben wieder – in der Academic Edition für Lehre und Forschung ebenso wie in der Professional Edition für umfangreiche Auswertungen.